

Die Bibel des Karate
oder an der Quelle des Karate Dô

Seit längerem bin ich im Besitz der englischen Übersetzung des „Bubishi“, der Ausgabe und Arbeit von Patrick
McCarthy. Ein weiteres Werk über das „Bubishi“ – geschrieben von Roland Habersetzer – war bisher nur auf französisch verfügbar. Dank dem Palisander Verlag gibt es dieses Buch seit kurzem auch in deutscher Übersetzung. Es scheint, dass das Originalmanuskript des Bubishi, das heute alle Kampfkunst-Historiker einmütig für äußerst wertvoll erachten, seinen Weg nach Okinawa zuerst durch Higaonna Kanryô (1853-1916) gefunden hat. Zwei Zweige des Karate verdanken dem Bubishi ihren Ursprung:
das Gôjû ryû, das durch Miyagi Chojûn (1888-1953) entwickelt wurde, und das Shito ryû, entwickelt durch Mabuni
Kenwa (1889-1952). Diese beiden Meister haben unterschiedliche Kopien des chinesischen Bubishi besessen und
gaben sie später weiter. Die Kopie von Miyagi Chojûn war Grundlage einer Arbeit von Otsuka Tadahiko Sensei (der sein Bubishi an seinen Schüler und Freund Roland Habersetzer weiterreichte) und das Exemplar von Kenwa Mabuni diente Patrick McCarthy als Vorlage.
Diese Buch lässt jedem Karateka das Herz höher schlagen, war doch lange überhaupt nicht bekannt, dass es eine
Überlieferung in Textform gibt. Ich möchte aus diesem besonderen Anlass und mit Genehmigung des Palisander Verlags ein paar Auszüge aus Roland Habersetzers „Bubishi“ vorstellen.
Es vermag euch neue Impulse zu geben und Euch neue Wege aufzuzeigen.
Die Bibel der Kampfkunst der „leeren Hand“
Das modernen japanische Karate mit seinen verschiedenen Stilrichtungen existiert seit den 30er Jahren des
20. Jahrhunderts. Es entwickelte sich aus dem Ryûkyû Kempô Karate Jutsu, auch Okinawa te genannt.
Verschiedene Strömungen der chinesischen Kampfkünste spielten zusammen, als sich im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte die Techniken des Kampfes mit bloßer Hand herausbildeten. Diese Strömungen waren das Tôde , auch „ Hand der Tang“ genannt, des weiteren jene Kampftechniken, die heute im Westen unter dem Namen Kung Fu bekannt sind, sowie die Prinzipien des Chì kung bzw. Qigong (Beherrschung der Lebensenergie). Kenntnisse über diese Techniken gelangten über das Reich der Mitte nach Japan und verbanden sich mit dort bereits vorhandenem Wissen. Die Insel Okinawa, die etwa 600 Kilometer südlich von Japan liegt, war das Bindeglied zwischen China und Japan, wirkte selbst aber als eine Art Tiegel, in dem unterschiedliche Strömungen der ostasiatischen Kampfkünste miteinander verschmolzen. Auf diese Weise wurde Okinawa zum Ursprungsort mehrerer durchaus eigenständiger Kampfkunststile, wie Shuri te, dem Naha te und dem Tomari te.
Die Umstände der alten, bekannten Verbindung China – Okinawa – Japan werden seit langem von den Historikern der Kampfkünste studiert.
Die Untersuchungen über die Wurzeln der Kampfkunst mit bloßer Hand führten diese Forscher schon bald über die Grenzen Japans und selbst über die Okinawas hinaus. Sie richteten ihr Augenmerk auf das südliche China, genauer gesagt, auf die Provinz Fujian ( auf japanisch Fukien). Dort haben, wie es scheint, vor sehr langer Zeit alle Entwicklungen ihren Anfang genommen. Hier vermuten die Historiker die Quelle, der die oft zueinander gegenläufigen Strömungen entsprangen, die heute den Weg der reinen Kampfkunst überfluten. Den ernsthaft Praktizierenden befallen mitunter grundsätzliche Zweifel, wenn er darüber nachsinnt, was aus seiner inzwischen von Medien und Kommerz vereinnahmten „Kunst“ geworden ist: Um so reizvoller der Gedanke, es existiere eine Quelle, rein, ungetrübt und ursprünglich. 
Tatsächlich traten, um bei diesem Bild zu bleiben, die ersten Rinnsale,
die am Ende jenen mächtigen Strom bildeten, der die Kampfkünste revolutionierte, in der Region Fujian hervor, wahrscheinlich um die Stadt Fuzou. Hier wurde vor mehreren Jahrhunderten der Kampfstil des Weißen Kranichs ( Baihequan, oder auf japanisch Hakutsuru ken) geboren. Der Name resultiert daraus, dass Körperhaltung und Bewegungen von Vögeln imitiert wurden, was zahlreiche Spuren in den Kampfkünsten hinterlassen hat, die sich vereinzelt selbst noch in den Techniken des modernen Karate wiederfinden: in einigen Kata (Gangaku/Chintô) oder in manchen Stellungen ( Tsuruashi dachi).
Und eben dieser Stil ist es, der das Zentrum des Bubishi bildet, einer Sammlung illustrierter Texte, die gleichfalls in jener Region entstanden ist und die den Gegenstand dieser Arbeit darstellt.
Das Bubishi ist ein kleines Buch, das vor rund 250 bis 300 Jahren entstand und dessen Autor unbekannt ist. Es wurde in einem mitunter schwer zu entschlüsselnden Altchinesisch verfasst und mit einer Reihen von Zeichnungen in naivem Stil illustriert. Es stellt die Frucht der Erfahrungen mehrerer anonymer Meister der „leeren Hand“ dar. Auch wenn es vielleicht nicht als die Quelle von allem, was die Techniken des waffenlosen Kampfes betrifft, angesehen werden kann, so ist es doch ein wesentlicher Beitrag dafür, dass wir heute manches über diese Quelle wissen. Kein ebenso altes Kampfkunst-Werk solch unschätzbaren Wertes ist uns gegenwärtig bekannt. Sein Text, wenngleich teilweise unverständlich, ist lebendig geblieben, er vermittelt eine Botschaft. Bu Bi Shi (oder Bu Bi She) lautet ein chinesischer Titel, der auch in Okinawa beibehalten wurde. Ein programmatischer Name, der auf japanisch folgende Begriffe umfasst: Goshin (Selbstschutz), Sonaeru (Vorbereitung) und Hakitome Teoku (Anmerkungen). Das Buch besteht aus drei Teilen. Der erste Teil beschreibt die Geschichte des Stils des Weißen Kranichs und ist mit 48 Bildern von Nahkampftechniken, sehr einfach und roh gezeichnet, illustriert. Der zweite Teil enthält Anmerkungen darüber, wie im Kampf die Hände auf richtige Weise eingesetzt werden müssen, um auf die Vitalpunkte des Gegners einwirken zu können. Der dritte Teil handelt von der Pflege und Heilung von Verletzungen.
Ein geheimes Dokument
Das Bubishi stellt aus heutiger Sicht die gemeinsame Wurzel zumindest der wichtigsten Stile des Ryûkyû Kempò Karate Jutsu dar. Dieses historische Dokument, dessen Authentizität unangefochten ist, wurde lange Zeit von den alten Meistern Okinawas, in deren Händen es anscheinend in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelangte geheimgehalten.
Es ist bekannt, dass sowohl Higashionna Kanryô (1853-1915) als auch Itosu Ankô (1832-1916) ein Exemplar besaßen. Es scheint, das Miyagi Chojûn (1888-1953) durch ein Kapitel des Bubishi inspiriert wurde, als er im Jahre 1929 seinen eigenen Kampfstil Gôjû ryû nannte.
Der Name Bu Bi Shi ( Wu Bei Chi oder Wu Bei Zhi auf Mandarin) bezieht sich auf die Kenntnis der Kriegskunst. Bu steht für Krieger, Bi für Wissen und Versorgen und Shi für Geist und Ehrgeiz. Die genaue Entstehungszeit und der Entstehungsort des Werkes werden wohl für immer im Dunklen bleiben. Wenig ist über seinen Autoren bekannt. Es könnte sich um die Arbeit mehrerer Meister handeln, die ein und dieselbe chinesische Quelle studiert haben und der Nachwelt eine Art Vermächtnis hinterlassen wollten.
Ich hoffe, ich habe Euer Interesse geweckt, mehr aus diesem Buch von Roland Habersetzer zu lesen.
Es ist erschienen im Palisander Verlag. Übersetzt von Frank Elstner.
Bubishi – An der Quelle des Karate Do

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