Übersetzung des Bubishi “ An der Quelle des Karate Do” von Roland Habersetzer
                                             Mit freundlicher Genehmigung des Palisander Verlags

                                             Die Vitalpunkte und die „vergiftete Hand“

Immer wieder taucht im Bubishi der Begriff des Vitalpunktes auf, ein anatomisch präzise bestimmbarer Ort am Körper. Wird ein Vitalpunkt getroffen, kann das die Niederlage des Gegners zur Folge haben, ja sogar seinen Tod (daher die Bezeichnung Vitalpunkt).
Diese besonderen Schwachpunkte, die praktisch über den ganzen Körper verteilt sind, sind seit weit über tausend Jahren bekannt. Zunächst jedoch erforschen die Menschen diese Punkte, um mit ihrer Hilfe Krankheiten heilen zu können, sei es durch Akupunktur oder durch Moxibustion. Die Wissenschaft von den „Meridianen“ immateriellen Linien, entlang derer die Lebensenergie des Menschen ( Qi oder Ch´i; auch als innere Energie bezeichnet – jedoch nicht zu verwechseln mit der chemisch-physikalischen Muskelenergie) zirkuliert, zählt zu den ersten Errungenschaften der traditionellen chinesischen Medizin.
Insgesamt entdeckten die chinesischen Heiler 24 derartige Meridiane, davon 12 Hauptmeridiane, die zu beiden Seiten der vertikalen Mittelachse des Menschen verlaufen.
Jeder dieser „Pfade für das Qi“ steht in Zusammenhang mit bestimmten inneren Organen, auf die somit über diese Meridiane eingewirkt werden kann. Tatsächlich existieren entlang dieser Kanale „Hohlräume“ (Xue) bzw. Vitalpunkte, die hochempfindlich sind, weil sie entweder wenig durch Muskeln geschützt sind oder weil der Meridian an dieser Stelle die Haut berührt. Auf diese Punkte kann auf unterschiedliche Weise eingewirkt werden:
durch Stechen (Akupunktur), Hitze (Moxibustion), Pressen (Akupressur-Tsubo, auf japanisch Shiatsu) oder durch Schlagen auf unterschiedliche Art und Weise ( Dianxue, auch Tien hsueh oder Dim mak, auf japanisch Atemi).
All diese Methoden stimulieren, unterbrechen oder stören den Fluss der inneren Energie, sie verstärken oder zerstreuen ihn. Dies wirkt sich zwangsläufig auf die Funktionen der mit den entsprechenden Meridianen verbundenen Organen aus. Das Wissen über diese erstaunlichen Zusammenhänge im menschlichen Körper kann auf zweifache Weise genutzt werden. Mann kann damit heilen, wie es immer im Interesse der Medizin ist und man kann damit zerstören, was im Interesse der Kampfkünste ist. Letzteres war ursprünglich eine Pervertierung des ersten Weges, doch im Laufe der Jahrhunderte trennten sich die beiden Richtungen und jede brachte ihre Meister hervor.
Die Überlieferung besagt, dass der chinesische Kaiser Jen-Tsung (1023-1063) die Idee hatte, dass sein Arzt eine Bronzestatue anfertigen solle, auf dem die Meridiane und die Akupunkturpunkte dargestellt sein sollten. Dies soll sich im Jahre 1026 zugetragen haben, zur Zeit der Sung - Dynastie (Song - Dynastie). Es wird auch berichtet, dass dieser Körper aus Metall hohl und mit Wasser gefüllt gewesen sei, und dass die Akupunkturpunkte kleine, mit  Wachs versiegelte Löcher waren. Wurde der Einstich korrekt durchgeführt, perlte Wasser aus ihnen heraus. Damit existierte zum ersten Mal eine dreidimensionale anatomische Darstellung. Diese wurde in der Folge noch verfeinert. Während der Ming – Dynastie (1368-1644) wurden drei Modelle des Bronzemenschen geschaffen, das erste stellte den Mann, das zweite die Frau und das dritte das Kind mit ihren jeweiligen spezifischen Körpermerkmalen dar. Schließlich gelang es sogar, eine durchsichtige Kristallstatue des Menschen herzustellen, die es erlaubte, neben den Positionen der Vitalpunkte auf der Oberfläche auch das Kreislaufsystem der inneren Energie und die Lage der inneren Organe zu studieren.
Bald schon wurde auch die Frage aufgeworfen, wie die anatomischen Kenntnisse über die Vitalpunkte auszunutzen seien, um einem Menschen Schaden zuzufügen. Verschiedene taoistische Mönche, denen alles am Herzen lag, was mit der Langlebigkeit eines Menschen zusammenhing, waren die Pioniere auf diesem Forschungsgebiet. Sie häuften Wissen darüber an, indem sie Beobachtungen durchführten und experimentierten.
Es ist denkbar, dass der berühmte Eremit des Wudanggebirges, Zhang San Feng, der im 13. Jahrhundert in der Provinz Hopei lebte, bereits Schüler auf diesem Gebiet unterrichtete. Zhang Sang Feng ist vor allem dafür bekannt, einen Vorläuferstil des Taijichuan geschaffen zu haben. Inspiriert wurde er von einem Kampf zwischen einer Schlange und einem Kranich, den er einst beobachtet hatte. Etwas gesicherter ist die Überlieferung hinsichtlich Feng Yiyuan, einem anderen taoistischen Mönch, der zur Zeit der Ming – Dynastie lebte. Er entwickelte das Wissen darüber weiter, wie man ausschließlich mit bloßer Hand schädigend auf Vitalpunkte einwirken konnte. Er ist sicherlich der erste, von dem sich sagen lässt ,er habe – seiner Zeit entsprechend – wissenschaftliche Kenntnisse über die menschliche Anatomie und über die unterschiedlichen Arten, Schläge auszuführen, besessen. Nicht nur die Stärke, Art und Richtung der Schläge waren für ihn von Bedeutung, sondern auch der geeignete Zeitpunkt, einen bestimmten Schlag auszuführen. Um derartige optimale Zeiten zu ermitteln, berücksichtigte Feng Yiyuan sowohl Tageszyklen als auch die Phasen von Mond und Sonne. Das Wissen um die Tageszyklen, die den Rhythmus bestimmen, nach dem die innere Energie im Körper fließt, geht wahrscheinlich auf einen weiteren taoistischen Mönch derselben Epoche zurück, Wu Liu Yuan. Derartige Kenntnisse gestatten es, für jeden Vitalpunkt sehr genau die beste Möglichkeit zu finden, eine bestimmte Technik anzuwenden, um eine wohldefinierte Wirkung zu erzielen. Dies kann ein brutaler Effekt sein, der entweder unverzüglich oder erst mit einer Verzögerung von Stunden, Tagen, Wochen eintritt. Solche Verzögerungen bilden die Grundlage der Legende der „vergifteten Hand“, die den Tod erst längere Zeit nach ihren Einwirken herbeiführt, gleich einem tödlichen Gift, das sich langsam im Körper ausbreitet.
Andere Wirkungen können Unwohlsein, scharfer Schmerz, Ohnmacht, Bruch eines Knochens oder Gelenks, oberflächliche oder tiefe Traumata sein und anders mehr.
Feng Yiyuan soll 36 Vitalpunkte lokalisiert haben, die er sorgfältig in Gruppen eingeteilt hat, je nachdem, welche Wirkung durch sie erzielt werden kann ( Schmerz, Lähmung, Ohnmacht, Tod ). Später hat sich die Zahl der entdeckten Punkte verdoppelt ( auf 72 ), dann verdreifacht ( auf 108 ). Den Zahlen kommt zweifelsohne auch eine symbolische Bedeutung zu, die 108 beispielsweise ist eine heiligen Zahlen im Buddhismus. So besteht die große Bewegungsabfolge des Yang Taijiquan aus 108 Einzelbewegungen, und die Kata Suparinpei aus dem Goju ryu Karate wurde von der chinesischen Dao Yibailingba abgeleitet, was „108 Schritte“ bedeutet. Verschiedene Bewegungsfolgen ( chinesisch Dao oder Quan, japanisch Kata genannt) wurden entwickelt, um der Automatisierung dieser Vitalpunkttechniken zu dienen.
Das Bubishi stellt in einigen Zeichnungen die Summe all dieser Kenntnisse zusammen, die sich im Lauf der Jahrhunderte angesammelt hatten und die wahrscheinlich auch auf zahlreichen Schlachtfeldern erprobt worden waren – nicht zuletzt an Kriegsgefangenen.
Es werden hier keine Erkenntnisse geliefert, die alles umstürzen, was bisher aus verschiedenen historischen Dokumenten bekannt ist, vor allem aus den Archiven der japanischen Schulen des traditionellen Bujutsu, welche zu den Erben des chinesischen Wissens gehören. Während der letzten Jahre erschienen einige seriöse Untersuchungen anhand der inzwischen aufgefundenen Exemplare des Bubishi. Ihr Gegenstand sind verschiedene Interpretationen dessen, was darin über jenes wichtige Gebiet der waffenlosen Kampfkünste ausgesagt wird. Diese Studien stellen äußerst wichtige Beiträge über die tausendjährige Kunst des Dianxue (Atemi waza) dar. Jedoch gehen sie tiefer ins Detail, als der Rahmen vorliegender Abhandlung zulassen würde, die sich in dieser Hinsicht an die Einfachheit des Originals hält. Hinzu kommt, dass die Angaben im Bubishi über die Behandlung von Verletzungen oder Krankheiten mit Hilfe von Heilkräutern recht vage oder nicht vollständig ist. Obendrein sind sie mit Fehlern bei der Übersetzung sehr alter Begriffe behaftet. Ein mangelhaftes Verständnis oder der falsche Gebrauch fragmentarischer Kenntnisse auf diesem Gebiet kann sehr leichtgefährlich werden. Dies gilt sowohl für die Art und Weise, Vitalpunkte anzugreifen als auch dafür, Schädigungen an ihnen zu beheben. Es ist sicher kein Zufall, dass gewisse Zeichnungen und Kommentare des Bubishi besonders flüchtig und knapp ausgeführt wurden.
Offenkundig waren die praktischen Einzelheiten der mündlichen Weitergabe vom Schüler zum Meister vorbehalten, was dem ethischen Grundkonzept des Bubishi entspricht. Wir wollen dies respektieren und uns darauf beschränken, ein wenig Licht in diesen Schattenbereich des Bubishi dringen zu lassen.

 Auszug aus dem  Bubishi - ”An der Quelle des Karate Do” erschienen im Palisander - Verlag